Kleinblittersdorf - Newsdetail

19.07.2019 11:29

Ein Jahr nach der Unwetterkatstrophe

Es ist genau ein Jahr her, da zog eine Gewitterfront nicht ab und eine Flutwelle schoss durch unsere Gemeinde und riss mit sich, was nicht niet- und nagelfest war.

Das Jahr 2018 dürfte, was Starkregen-Ereignisse angeht, in die Geschichte der Gemeinde Kleinblittersdorf eingehen. Erdrutsch auf dem Hartungshof, in der Scherbachstraße schwimmen Autos den Berg hinunter und in der Elsässerstraße schießt das Wasser 1,40 m hoch, Straßen wurden unterspült, eine Brücke weggerissen. Wildfremde Menschen kamen in den Ortskern von Bliesransbach und Kleinblittersdorf und packten am 1. Juni und in den Tagen danach mit an.

Tonnenweise Schlamm wurden vom THW, von Bauunternehmen, Freiwilliger Feuerwehr und Bauhof abgefahren. Das Unwetter in der Gemeinde Kleinblittersdorf hat die Menschen trotz aller Not auf eine besondere Art und Weise zusammen geschweißt.

Die Bilder aus unserer Gemeinde vom 1. Juni gingen deutschlandweit durch die Nachrichten. Innerhalb von Minuten wurde unsere Gemeinde von einer Welle aus Wasser, Schutt und Geröll überrollt. Das Unwetter beschäftigt die Gemeindeverwaltung seither bis heute. Rund 2,7 Millionen Euro sind für die Sanierung der Schäden vorgesehen. Bisher sind von 150 Baumaßnahmen bereits ca. 110 abgearbeitet. Eine enorme Leistung, die unsere Verwaltung, insbesondere unser Bauamt, geleistet hat.

 

Besonders betroffen waren in unserer Gemeinde die beiden Ortsteile Bliesransbach und Kleinblittersdorf. Selbst Katastrophenschützer waren von den Wassermassen überrascht, die die Gemeinde in der Nacht vom 31. Mai auf den 01. Juni 2018 verwüsteten.

 

Ein Jahr nach der verheerenden Katastrophe zieht der Kleinblittersdorfer Bürgermeister Stephan Strichertz Bilanz.

 

Herr Strichertz, wie kam es zu dieser verheerenden Unwetterkatastrophe?

Stephan Strichertz: Kleinblittersdorf liegt an der Saar und Blies. Da besteht immer die Gefahr von Hochwasser. Das ist physikalisch unbestreitbar. Auf ein normales Hochwasser sind wir zwischenzeitlich aufgrund der grenzüberschreitenden (EU-) INTERREG geförderten Hochwasserpartnerschaft vorbereitet. Die Katastrophe, die wir vor einem Jahr erlebt haben, ging aber weit darüber hinaus. Das Starkregenereignis erreichte Ausmaße, also die Wasserhöhe und die Fließgeschwindigkeiten, wie sie statistisch gesehen vielleicht nur alle 86 Jahre einmal vorkommen. Darauf kann man sich schlichtweg nicht vorbereiten. Es besteht lediglich die Möglichkeit über präventive, bauliche Maßnahmen (kommunal und privat) das Schadensausmaß zu minimieren und zu begrenzen.

 

Wiederaufbau nach einem solchen Starkregenereignis – wie muss man sich das vorstellen?

Stephan Strichertz: Die Monate nach der ersten Aufräum- und Aufbauphase haben wir genutzt, um eine kontrollierte und koordinierte Planung für die Zukunft zu organisieren. Wichtig war es uns während der Planungsphase, dass wir uns auch externer Sachverständiger unterstützend bedienen. Zudem sollten die Ereignisse der Schreckensnacht mit einem Institut im Rahmen der Erstellung eines sogenannten Starkregenvorsorgekonzeptes aufgearbeitet werden. Als Kooperationspartner werden nach einer intensiven Marktrecherche die von der in Kaiserslautern angegliederte Gesellschaft „UniWasser GmbH“ und die Firma „geomer GmbH“ aus Heidelberg ausgesucht. Die durch die Beauftragung der beiden Unternehmen entstehenden Kosten werden durch das saarländische Umweltministerium zu 70 % gefördert.

 

Welche Probleme gab es?

Stephan Strichertz: Bei der Beantwortung dieser Frage muss man differenzieren zwischen dem privaten Schaden und dem Schadensbild im öffentlichen Bereich, insbesondere der kommunalen Infrastruktur. Die privaten Eigentümer waren zum ganz überwiegenden Prozentsatz leider nicht versicherungsrechtlich gegen das Risiko eines Elementarschadens abgesichert, so dass lediglich die Schäden an den Fahrzeugen über die Kaskoversicherung die entstandenen Schäden regulierten. Selbst bei denjenigen, die über eine Elementarschadensversicherung verfügten, gab es einige unangenehme Überraschungen. Entweder bestand bei der Hausratversicherung keine Klausel zur Regulierung der Elementarschäden oder bei der Gebäudeversicherung war nur das Objekt, aber nicht das komplette Grundstück (inklusive Carport, Gartenanlage, Gartenmauer, Terrasse etc.) abgesichert. Im kommunalen Bereich musste zunächst eine umfangreiche Schadensdokumentation und –bezifferung in die Wege geleitet werden. Parallel stand ich über Wochen permanent mit der Staatskanzlei, dem Innen-, Finanz- und Umweltministerium über die Hausspitzen und der operativen Ebene in Kontakt. Die Schadensauflistung wurde Tag genau bei dem Innenministerium aktualisiert, so dass wir kurz vor Weihnachten 2018 vom Minister des Inneren, Herrn Klaus Bouillon, einen Zuwendungsbescheid in einer Gesamthöhe von ca. 770.000,- € erhielten (580.000,- € kommunale Infrastruktur und 190.000,- € für zerstörte Sportanlagen in Bliesransbach und Auersmacher). Parallel mussten in Abstimmung mit dem Finanzministerium und dem Regionalverband Saarbrücken die Themen der Sofort- und Finanzhilfen koordiniert und organisiert werden. Über die Einrichtung mehrerer Spendenkonten wurde die überwältigende Hilfs- und Spendenbereitschaft der Privaten, aber auch zahlreicher Firmen, Institutionen und Vereine kanalisiert. Über viele Benefizveranstaltungen wurde der Spendentopf über Monate auf fast 190.000,- € gefüllt. Eine beachtliche Summe und Leistung der solidarischen Hilfe. Auch das Thema der Entsorgung des Bauschuttes und der Schlammmengen musste geklärt werden. Hierbei möchte ich in der Nachbetrachtung die hervorragende Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter/innen des EVS nochmals hervorheben, die unbürokratisch mit schnellen und unkomplizierten Lösungen unsere Verwaltung bei der Bewältigung der vielschichtigen Probleme unterstützten. Darüber hinaus war über die Verwaltung der Gemeinde Kleinblittersdorf in der Mehrzweckhalle in Sitterswald eine Möbel-/Elektrogeräte- und Kleiderlager installiert worden, mit dem die vielen bedürftigen Haushalte in der Gemeinde Kleinblittersdorf zielgerichtet unterstützt werden konnten.

 

Der Schaden in der Gemeinde wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Woher kommt das Geld?

 

Stephan Strichertz: Zum Teil aus Versicherungsleistungen, Fördergeldern des Landes, kommunalen und privaten Haushalten sowie Spendengeldern.

Jedoch muss auch bei der Beantwortung dieser Frage eine Differenzierung zwischen den privaten und den kommunalen Schäden vorgenommen werden. Die Regulierung und damit korrespondierend die Finanzierung der Beseitigung der privaten Schäden erfolgte in ersten Schritten soweit vorhanden – über versicherungsrechtliche (Kasko-, Hausrat- und Gebäudeversicherung) Entschädigungsleistungen. In vielen Fällen (ca. 282 Anträge allein auf dem Gebiet der Gemeinde Kleinblittersdorf) wurde an die Privaten eine sogenannte Soforthilfe ausgezahlt. In weiteren ca. 35 Fällen kam nach einer intensiven Prüfung in der Schadenskommission des Regionalverbandes Saarbrücken die Finanzierunghilfe zur Auszahlung. Bei diesen beiden staatlichen Förderungen war die Gemeinde Kleinblittersdorf prozentual beteiligt. Zuletzt wurde über das Spendengremium der Gemeinde Kleinblittersdorf an ca. 72 stark betroffenen Haushalte aus dem Spendenfonds der evangelischen Kirchengemeine und der Zivilgemeinde ca. 190.000,- € zur Schadensregulierung zur Verfügung gestellt. Der etwaig verbleibende Differenzbetrag wurde von den Privaten aus eigenen Mitteln privat finanziert. Der kommunale Schaden in einer geschätzten Gesamthöhe von ca. 2,8 Mio € wurde über einen gemeindlichen Nachtragshaushalt und Zuschüsse des Landes (ca. 770.000,- €) finanziert.

 

Wann ist die Gemeinde Kleinblittersdorf komplett wieder hergestellt?

Stephan Strichertz Ich schätze, dass es noch mehrere Jahre dauern wird.

Die komplette Aufarbeitung der Schäden aus der Naturkatastrophe (Schadensdokumentation und –beseitigung, sowie Präventionsarbeit in Zusammenarbeit mit der Fa. UniWasser GmbH, Kaiserslautern (Prof. Dr. Jüpner) stellt ein mehrstufiges und mehrjähriges Projekt dar. Mehrstufig deshalb, weil das dokumentierte Schadensbild nach einem Prioritätenkatalog abgearbeitet werden muss. Mehrjährig, da sich aus der Naturkatastrophe 2018 ca.150 Maßnahmen bzw. Einzelprojekte (Auersmacher – 28; Bliesransbach – 84; Kleinblittersdorf – 32; Sitterswald - 4) entwickelten, die teilweise in der Einzelgestaltung eines Finanzierungsvolumen in sechsstelliger Höhe liegen. Nachstehend möchte ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – aus den 150 Projekten beispielhaft eine Auflistung der finanzstärksten Einzelmaßnahmen zitieren:

 

Auskolgungen, Geröll in Bachbett der Tiefenbach

100.000,00 Euro

Grundsanierung Asphalt etc. der Römerstraße 

 

120.000,00 Euro

Pflasterbelag Eschringer Straße gesamt

 

100.000,00 Euro

Entwässerungsgräben, große Ausspülungen - Eschringer Straße Richtung Hartungshof

 

72.000,00 Euro

Asphaltaufbruch Feldweg Wendalinuskapelle

 

125.000,00 Euro

Schäden an Seitenbefestigung, Bühlerbach im Bereich Brücke

 

75.000,00 Euro

Neubau Sportplatz, Kunstrasenplatz Bliesransbach  

 

300.000,00 Euro

Neubau Brücke Eduard-Mörike-Straße

 

200.000,00 Euro

Geröll und Bewuchsentfernung Rheinklamm, kleine Rheinklamm  

 

43.000,00 Euro

Straße nicht mehr vorhanden ca 260 m, Asphaltaufbrüche beseitigen, Wiederherstellung des Vorstufenausbaus Scherbachstraße ab 32/43

230.000,00 Euro

 

Hang weggebrochen in Waldstraße  

 

120.000,00 Euro

Zufahrt herstellen, Staubereich frei räumen bei Staumauer  

 

230.000,00 Euro

Auskolgungen, Geröll Bachbett Scherbach

100.000,00 Euro

 

 

Was nehmen Sie persönlich aus der Unwetterkatastrophe mit?

Stephan Strichertz: Ich beobachte selbst viel sensibilisierter Wetterphänomene. Die Sicht auf die Gewässer, auf die Natur haben ich und viele andere geändert. Hierüber habe ich die vergangenen Monate viel nachgedacht. Wir müssen die Natur respektieren, wie sie ist – auch wenn das bitter sein mag.

 

Wichtig ist jedenfalls, dass wir bei unserer Arbeit zukünftig den Fokus auch auf die Prävention legen, wobei bei einem Starkregenereignis in dem Ausmaß des Jahres 2018 lediglich die Schadensminimierung im Vordergrund steht. Derartige Naturkatastrophen sind leider nicht in vollem Umfang technisch beherrschbar, wie der einhellige Tenor der spezifischen Fachexperten lautet.

 


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